Churchill und Hertenstein

Liebe Freunde, Kollegen, Europäer!

Meine Ansprache am 24. September 2006 anlässlich der 60-Jahr-Feier der Konferenz von Hertenstein, vor dem Gedenkstein auf der Schiffanlegestelle, ist auf reges Interesse gestossen und ich freue mich, Ihnen die Rede in schriftlicher Form zugänglich machen zu dürfen.

Dass mir die Ehre und Freude zufällt, als Abschluss dieser vorbildlich organisierten und zu so gutem Ende geführten Gedenkveranstaltung das Wort an Sie richten zu dürfen ist zunächst einmal nicht mein Verdienst. Es ist ganz einfach so, dass ich allem Anschein nach der letzte überlebende Teilnehmer der Hertensteiner Konferenz bin. Das ist lediglich eine Alterserscheinung. Und wenn ich nun trotzdem, wie schon anlässlich des 50. Jahrestages auf diesem Landesteg zu Ihnen spreche, dann deshalb, weil ich zusammen mit anderen europäischen Mitstreitern eine solche Konferenz wünschte, anregte, forderte und von der damaligen „Europa-Union“ mir die Vollmacht geben liess, im Juli 1946 in Paris alle Fühler auszustrecken, alle mir bekannten Schwester-organisationen zur Gründung einer europäischen Dachorganisation zu motivieren und alle zu diesem Zwecke nach Hertenstein in der Schweiz einzuladen. An der Konferenz wurde ich zudem Berichterstatter (Rapporteur).


Bei den Teilnehmern der Arbeitsgrupppe „Geschichte“ möchte ich mich jetzt schon dafür entschuldigen, dass sie einen kleinen Teil meiner Ausführungen bereits gehört haben.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Freunde, Mesdames et Messieurs, chers amis. Erlauben Sie mir dass ich einige Teile dieser Ausführungen in französischer Sprache halte. Am 19. September jährte sich zum sechzigsten Mal ein nicht beabsichtigtes Zusammentreffen zweier grundlegender Ereignisse zur Europäischen Einigung:

In Zürich sprach Winston Churchill, der charismatische Premierminister Grossbritanniens während des 2. Weltkrieges und damit Mitbesieger von Hitler-Deutschland und dessen Achsenmächten.

„Let Europe Arise!“ war der Kern seiner Ansprachen in der Aula der Zürcher Universität und auf dem Münsterhof. Generationen von Europa-Einiger berufen sich auf diese Aufforderung und Mahnung.

Bereits 1940 nach dem Desaster der sich abzeichnenden Niederlage Frankreichs gegenüber den deutschen Armeen hatte er zu einer französisch-britischen Föderation aufgerufen und damit das Schicksal der geschichtlich nicht immer im Gleichschritt marschierenden Nationen miteinander verbunden. Diesem Bund wäre damit die Schmach eines verlorenen Krieges eines der Partnerstaaten erspart geblieben. Wieso die damalige französische Regierung diesen grosszügig hingeworfenen Rettungsanker verschmähte bleibt ein Rätsel. Aber war diese Aufforderung zur Europäischen Einigung eine Erneuerung des erwähnten Angebotes mit dessen Erweiterung auf den gesamten Kontinent?

Rückblickend und in Kenntnis der späteren Entwicklung des Europäischen Einigungsprozesses dürfen wir behaupten, Churchill habe mit seinem Vorschlag Kontinentaleuropa gemeint und damit nicht eine Beteiligung von Grossbritannien im Visier, das wohl damals noch in Kategorien des „Commonwealth“ behaftet war.

Mit seinem Aufruf stellte sich Churchill in eine Reihe von Persönlichkeiten, die im Laufe der Jahrhunderte die Vision eines geeinigten Europas propagiert hatten.

Wir wollen nicht von Denkern bereits im 13. Jahrhunderts sprechen (Gaston Dubois), noch von König Georg von Podjebrad von Böhmen, auch nicht von der Bedeutung Napoleons für das Bewusstsein eines gemeinsamen Europas.

Ebenfalls erwähnen wir nicht die imperialistischen Machtgelüste quer durch unseren Kontinent, angefangen mit den Römern, weitergeführt durch das Reich Karls des Grossen, das Heilige Reich deutscher Nation und das Konglomerat Österreich-Ungarn, die französischen und deutschen Kaiserreiche, alles wenig demokratische und nicht-föderalistische Modelle.

Und schon gar nicht erinnern wir uns der kommunistischen, faschistischen und vor allem nicht nationalsozialistischen Versuche.

All’ dies hat sich zwar in unseren Köpfen festgesetzt und wurde Teil einer europäischen Geschichte, des Bewusstseins eines gemeinsamen kulturellen, geschichtlichen, geographischen, juristischen und kontinentverbundenen Nenners, einer langen Reihe unnötiger Bruderkriege ... doch das alles ist nicht genug. Ein an der Basis oder zwischenstaatlich undemokratisch aufgebautes Europa, d. h. nichtföderalistisches, hat in unserem Kontinent keinerlei Chancen auf Nachhaltigkeit, würde wie in der Vergangenheit zu Konflikten oder gar Kriegen führen und unsere Anstrengungen, Hoffnungen und Ziele eines geeinten Europas mit Sicherheit zunichte machen.

Die mit Churchill fortgesetzte Reihe von Europäern mit autoritär-unionistischem Gedankengut hatte vielleicht ihren Ursprung bei dem unglücklichen Kronprinzen Österreich-Ungarns, dem Erzherzog Rudolf von Habsburg, der die verkrusteten Strukturen der Doppel-Monarchie umformen wollte (erlauben Sie mir, dass ich auch in französisch spreche).

Il s’était rendu compte que la politique conservatrice de son père, l’empereur François-Joseph, allait faillir, cette agglomération d’états et peuples ne voulant plus rester réunis rien que par une couronne !

(Er war sich im Klaren, dass die konservative Politik seines Vaters, des Kaisers Franz-Joseph, letztlich scheitern musste, wollten doch die zusammengewürfelten Staaten und Völker nicht mehr nur durch eine gemeinsame Krone zusammengehalten werden!)

Mais l’archiduc Rodolphe décéda en 1889 à Mayerling. Est-il mort pour avoir voulu appliquer cette idée ?

(Doch der Kronprinz verschied 1889 in Mayerling. Starb er weil er seine Ideen verwirklichen wollte?)

Quoi-qu’il en soit : l’empire des Habsbourg n’a pas survecu à la Première Guerre Mondiale et les Viennois se trouvaient dans une capitale mondiale, dix fois trop grande pour administrer un petit pays tel l’Autriche de 1919.

(Wie auch immer: Das habsburgische Reich hat den Ersten Weltkrieg nicht überlebt und die Wiener fanden sich plötzlich in einer Weltstadt die zehnmal zu gross war, um als Hauptstadt eines kleinen Landes wie Österreich von 1919 zu fungieren.)

C’est alors que le comte Coudenhove-Kalergi pensait restaurer l’empire austro-hongrois sous forme de Confédération, élargissant l’étendue jusqu’à l’Europe, remplaçant l’Empereur par un Président, mais gardant Vienne comme Capitale Européenne et la « Hofburg » comme résidence du président ! Le comte se rangeait donc dans la longue lignée de personnalités du monde politique, voulant unir l’Europa du haut vers en-bas !

(Da dachte Graf Coudenhove-Kalergi das Österreich-Ungarische Reich in der Form eines Bundes zu restaurieren und auf ganz Europa auszudehnen. Statt des Kaisers sollte ein Bundespräsident in der Wiener Hofburg residieren – Wien würde Hauptstadt Europas. Der Graf reihte sich damit in die lange Reihe von Persönlichkeiten, welche Europa von oben nach unten einigen wollten!)

C’était le début du mouvement moderne envisageant une Union Européenne. Il lui donna le nom de « Paneuropa-Union ». A travers des conférences et par la publication de livres, mais avant tout en organisant des congrès et influençant les chefs d’états, Coudenhove parvint à ce qu’on prenne cette idée au serieux au niveau gouvernementale. Coudenhove avait réunis autour de la « Paneuropa-Union » la plupart des chef d’états ou présidents de conseil de l’époque, Thomas G. Masaryk, Gustav Stresemann, Edvard Benesch, Benito Mussolini, Aristide Briand, Engelbert Dollfuss … C’était donc un cercle élitaire, ignorant la base démocratique, croyant aboutir à ses buts sans tenir compte des opinions publiques et des volontés des citoyens des états à réunir. Non seulement nous avons à faire ici avec ce que plus tard on a appelé l’ »Unionisme » (confédéralistes, contrairement à la volonté de créer un Etat Fédératif sur le modèle de la Suisse ou des Etats-Unis) mais déjà la préfugération du principe « institutionaliste » qui visait la prévalence de l’économie sur le politique.

(Dies war der Beginn der modernen Bewegung mit dem Ziel der Europäischen Einigung. Er gab dieser den Namen „Paneuropa-Union“. Mittels Kongressen, Veranstaltungen und Büchern aber vor allem durch Überzeugungsarbeit gegenüber Staatsmännern erreichte Coudenhove teilweise Akzeptanz dieser Idee auf Regierungsebene. Es gelang ihm, zahlreiche Staatsoberhäupter und Regierungschefs seiner Zeit für die „Paneuropa-Union“ zu gewinnen, Thomas G. Masaryk, Gustav Stresemann, Edvard Benesch, Benito Mussolini, Aristide Briand, Engelbert Dollfuss ... also ein elitärer Kreis, ohne Zugang zur demokratischen Basis, welcher glaubte seine Ziele ohne Zustimmung des Volkswillen und der Staatsbürger der zu einigenden Länder zu erreichen. Nicht nur haben wir es hier zu tun mit dem was man später unter „Unionismus“ verstand (Konföderation im Gegensatz zum Willen einen Föderativstaat wie die Schweiz oder die Vereinigten Staaten zu schaffen) sondern bereits die Vorwegnahme des „Institutionalismus“, der das Primat der Wirtschaft auf die Politik postuliert!)

Im Gefolge der paneuropäischen Idee gab es einige Vorstösse, auch im Rahmen des Völkerbundes. Der Plan Briand ist ein solcher Versuch. Auch der französische Aussenminister Herriot und andere Staatsmänner versuchten in der Zwischenkriegszeit vergebens, Coudenhoves Gedankengut umzusetzen. Nach dem Zweiten Weltkrieg und nach Churchill wurde diese Reihe fortgesetzt durch Robert Schuman (Plan Monnet), Konrad Adenauer, Paul-Henri Spaak usw. Allen gemeinsam war ihr Appell an die Staatsoberhäupter, an die Regierungen und bestenfalls an die nationalen Parlamente.

Mais l’initiative du comte Coudenhove n’a pas abouti dans les années trente et ne pût empêcher la Seconde Guerre Mondiale. C’est toutefois dans la tradition et lignée de ce mouvement que Churchill en 1946 a relancé cette idée lors de son mémorable discours à l’Université de Zurich. Et quelques années plus tard le ministre français Robert Schuman, inspiré par son collaborateur Jean Monnet, a relancé l’idée d’union européenne, qui, 50 ans plus tard, paraît avoir aboutie !

(Doch weder setzte sich die Initiative des Grafen Coudenhove in der Zwischenkriegszeit durch noch konnte sie den Zweiten Weltkrieg verhindern. Immerhin lebte diese Idee in der Tradition und Linie dieser Bewegung wieder auf, als 1946 Churchill in einer bemerkenswerten Rede an der Universität von Zürich zur Europäischen Einigung aufrief. Und einige Jahre später war es der französische Minister Robert Schuman, der das Konzept einer Europäischen Union seines Mitarbeiters Jean Monnet wiederbelebte. Es hat den Anschein, dass sich 50 Jahre später diese Vision realisiert hat.)

C’est du moins ce qu’aujourd’hui on aime relater comme raccourci d’histoire de l’unité européenne. Or, étant un des derniers témoins de ce processus et en plus activiste des premiers jours, laissez-moi corriger cette manière de voir. Saviez-vous que le jour-même de ce discours de Winston Churchill à Zurich, un autre grand évènement européenne eût lieu à Lucerne dans la Grande salle de congrès : c’était la manifestation finale de la « Conférence de Hertenstein » , la toute première réunion après-guerre internationale des représentants des différentes organisations voulant l’union européenne. Cette réunion représentait les mouvements de base, les volontés des peuples et non celles de politiciens, ne représentant qu’eux-mêmes, quoique se basant sur des courants d’opinions publiques, profitant du travail de conviction d’organisations tels ceux qui présentement s’étaient trouvés à Hertenstein au bord du lac des quatre cantons.

(Zumindest wird dies heute als beliebte Kurzfassung der Europäischen Einigungsgeschichte herumgeboten. Nun, lassen Sie mich als einer der letzten Zeitzeugen dieser Entwicklung und überdies Aktivist der ersten Stunde diese Sichtweise korrigieren.

Wissen Sie, dass am gleichen Tag der Rede Churchills in Zürich ein anderes grosses europäisches Ereignis in Luzern über die Bühne des Kongresshauses ging?

Es war die Schlussveranstaltung der „Konferenz von Hertenstein“, der allerersten internationalen Nachkriegsveranstaltung der Vertreter jener Organisationen Europas, welche den kontinentalen Zusammenschluss wollten. Diese Konferenz vertrat die Basisbewegungen, den Volkswillen und nicht jenen der Politiker, die lediglich sich selbst vertraten, auch wenn sie sich auf die öffentliche Meinung stützten und die Überzeugungsarbeit just jener Organisationen ausnützten, welche sich zuvor eine Woche lang in Hertenstein am Vierwaldstättersee mit der Zukunft Europas auseinandergesetzt hatten!)

Alle diese Persönlichkeiten hoben sich ab von einer Volksbewegung, welche die Mehrheit der Staats- und Stimmbürger zur Europa-Idee bekehren wollten. Mit dem Stimmzettel und einer Verfassunggebenden Versammlung (Konstituante) sollte der Europäische Einigungsprozess in die Wege geleitet werden. Diese andere Strömung, jene der „Konstitutionalisten“ oder „Föderalisten“, wollte den Europäischen Integrationsweg durch eine Europa-Verfassung beginnen und äusserten Zweifel an der Effizienz der anderen Gangart.

Es sei daran erinnert, dass 1934 die Vorläufer beider Tendenzen sich mit Eclat trennten. Damals leitete ein junger Student namens Hans Bauer den Schweizer Ableger der Paneuropa-Union des Wiener Grafen Coudenhove-Kalergi, des Ersten der langen Reihe von Persönlichkeiten, welche Europa nach dem Ersten Weltkrieg von oben nach unten einigen wollten. Hans Bauer hatte in der demokratischen Schweiz eine andere Vorstellung des politischen Weges: Zuerst wurde aus dem schweizer Ableger eine „Volkssektion Schweiz“, dann liess Bauer auch die Vorsilbe „Pan“ weg, fusionierte die „Europa-Union“, Schweizerische Bewegung für die Einigung Europas, welche er verdienstvoll viele Jahrzehnte präsidierte, mit der Organisation „Jung-Europa“ und überwarf sich mit dem Grafen. So wurde die „Europa-Union“ die erste und damals einzige Organisation unseres Kontinents, welche die Gründung der „Vereinigten Staaten Europas“ auf ihre Fahne geheftet hatte und dies auf demokratischem Weg durch den Stimmzettel auf der Basis eines mehrheitlichen Volkswillen erzielen wollte.

On ne peut trop estimer ce changement pour comprendre l’évolution de l’idée européenne à travers les mutations de l’histoire. Permettez-moi d’insister sur cette qualité de mouvement de base de l’ »Union Européenne », ancêtre de la NOMES (Nouveau Mouvement Européen, Suisse) d’aujourd’hui – elle, qui deux génération plus tard, c’est jointe et fondée avec d’autres sociétés de base populaire, non élitaire. Ce caractère primordiale, basé sur la longue tradition démocratique et fédéraliste de la Suisse, la distingue fondamentalement de toutes les autres organisation poursuivant un but analogue de l’époque d’entre-deux-guerres.

(Diese Weichenstellung zur Europa-Union kann nicht genug gewürdigt werden wenn wir die Entwicklung des Europäischen Gedankens im Verlauf des historischen Prozesses verstehen wollen. Gestatten Sie mir diese Qualität einer Basisbewegung der „Europa-Union“ als Vorläuferin der heutigen NEBS (Neue Europäische Bewegung, Schweiz) ausdrücklich hervor zu heben, die sich zwei Generationen später mit anderen ebenfalls nicht elitären Basisbewegungen vereinigte. Dieser grundlegende Charakter, gegründet auf der langen demokratischen und föderalistischen Tradition der Schweiz, unterscheidet sie grundlegend von allen anderen das gleiche Ziel verfolgenden Organisationen der Zwischenkriegszeit.)

Dès ses débuts, cette société eût un écho impressionnant, la population notamment de Bâle, où se trouvait le siège principal, comprennant que les buts idéologiques du mouvement était d’un autre caractère de celui d’outre-Rhin, se rangeait démonstrativement et en grand nombre autour des idées répondues par des personnalités tels que Hans BAUER, Heinrich RITZEL, secrétaire central du mouvement, ancien député socialiste au Reichstag, ayant voté contre Hitler le 15 janvier 1933, l’ancien premier-ministre bavarois HOEGNER, l’écrivain Fritz von UNRUH, le recteur de l’institut de Menzingen, BROGLE, avec RITZEL grand orateur, Heinrich SCHIESS et j’en oublie.

(Von Anbeginn war dieser Bewegung eine eindrückliche Resonanz beschieden. Vor allem in Basel, wo sie ihren Hauptsitz hatte, scharten sich demonstrativ und in grosser Zahl die Einwohner zu den ideologischen Zielen der EU, welche sich von den grosseuropäischen Träumen von der anderen Rheinseite unterschieden. Persönlichkeiten wie Hans BAUER, Heinrich RITZEL, Zentralsekretär der EU, ehemaliger sozialistischer Reichtagsabgeordneter, der am 15. Januar 1933 gegen Hitler gestimmt hatte, der ehemalige Bayrische Ministerpräsident HOEGNER, der Schriftsteller Fritz von UNRUH, der Rektor des Institutes von Menzingen BROGLE, mit RITZEL gewaltiger Redner, Heinrich SCHIESS u.a. standen an vorderster Front.)

Beide Strömungen verfolgten strategisch zwar das gleiche Ziel: einen Europäischen Bund, aber bei ungleicher Taktik. Die Politik der Politiker mündete in die Absicht, durch Schaffung von „Institutionen“ (Montanunion usw.) ein Europäisches Bewusstsein zu schaffen, welches mehr oder weniger automatisch zu einem politischen Zusammenschluss führen würde. Diese Strömung hat die Geschichtsschreibung mit „Institutionalisten“ oder „Funktionalisten“ bezeichnet und ist dem taktischen Weg zuzuordnen. Was das strategisch anvisierte Ziel betrifft: Bis heute war und ist nicht ganz klar, was für eine endgültige Staatsform dieses Europa dereinst einnehmen würde. Schwergewichtig lässt sich sagen, dass die „Institutionalisten“ zumeist auch „Unionisten“, d.h. Vertreter eines eher lockeren Verbandes Europas waren und sind. Diese Haltung hat sich spätestens im Herbst 1948 am Kongress von Rom übrigens äusserst knapp durchgesetzt und führte letztlich zu den Römer Verträgen von 1951 und zum heutigen Status quo. Dieser dramatisch grundlegende Unterschied in den Strömungen war bereits am „Haager Kongress“ vom Mai 1948 offensichtlich geworden.

Unter dem Druck der „institutionell“ geprägten Dachorganisation und von Churchills Schwiegersohn Duncan SANDYS geführten „Europäischen Bewegung“ begannen die *Konstitutionalisten“ bereits zu resignieren. Im Schosse dieser EB etablierte sich die fatale Auffassung, Europa müsse durch wirtschaftliche Bindungen sich langsam und automatisch zu einer politischen Union heranbilden. Diese Meinung herrschte hauptsächlich bei den „Unionisten“, während die „Föderalisten“ bis in die Vorstände ihrer Dachorganisation „Union des Fédéralistes Européenne (UEF)“ und anderer dieser Entwicklung ahnungslos, passiv bis naiv gegenüberstanden oder diese nicht einmal wahrzunehmen imstande waren. In Klammern sei gesagt, dass Coudenhove-Kalergi, nach dem Weltkrieg II seine Organisation unter dem Druck der Verhältnisse, Fakten und nicht zuletzt unter jenem einiger unter uns seine Organisation vom elitären Dach der Staatoberhäupter und Regierungschefs wenigstens auf das „Niveau“ der Parlamentarier herunterholte.

Der berühmte Aufruf Winston Churchills vom 19. September 1946 in Zürich gehört aber eindeutig in die Linie dieser Coudenhove-Tradition. Die Idee Churchill fand ihren Ausdruck in der von seinem Schwiegersohn Duncan Sandys geführten „Europäischen Bewegung“ und findet später ihre Fortsetzung durch den Belgier Paul-Henri Spaak und die Franzosen Jean Monnet und Robert Schuman, was schlussendlich zur europäischen Struktur führte, wie wir sie heute kennen. Diese Tradition widerspiegelt sich heute auch in der späteren NEBS-OMES, und dies nicht nur in ihrem gewählten neuen Namen ... Es gab jedoch eine Gegenbewegung, welche sich diesem Weg vehement entgegen zu stellen versuchte: das waren die „Konstitutionalisten“. Diese warnten vor dem anderen Weg und befürworteten die Einberufung einer verfassunggebenden Versammlung, welche die politische Einigung durch Einführung einer föderativen europäischen Verfassung bewerkstelligen wollten. Persönlich gehörte ich dieser Strömung an und kämpfte an vorderster Linie für diese.

An dieser Stelle mag es angebracht sein, einige Worte zu meinem europäischen Werdegang einzufügen um meine Haltung zu erklären. Ich mag circa 12-jährig, d.h. 1937, Hitlers Buch „Mein Kampf“ gelesen haben und ahnte die kommende Katastrophe voraus. In jugendlichem Optimismus stellte ich mir vor, die Welt vor einem Kriege retten zu können, indem alle Staaten dieser Welt eine „Eidgenossenschaft“ nach schweizerischem Vorbild bilden sollten. Schliesslich hatte unser föderalistisches Prinzip meiner Meinung nach seit 1848 eine Wiederholung des Sonderbundkrieges verhindert und war Garant für dauernden internen Frieden. 1938 lernte ich einen jungen Wiener Volkswirt, Edmond Breuer, kennen, der im Frühling dieses Jahres vor den Nazis in die Schweiz geflüchtet war und, mit den Ideen Coudenhoves vertraut, mich fragte, ob man nicht zuerst Europa einigen und in einer zweiten Stufe die Kontinente vereinigen sollte, was mir sofort einleuchtete. Also wurde mein Jugendverein umfunktioniert und hatte unter dem Kürzel IPVAN nunmehr die Europäische Einigung zum Ziel. Wir wähnten uns mit dieser Idee allein und etwas hilf- und machtlos, versuchten uns aber in der Verbreitung dieser Idee.

Es kam der Krieg und wir wollten nun wenigstens die Idee in die Friedenszeit hinüberretten, warben Mitglieder und schrieben an einem Buch, welches unsere Ziele festhielt. Zuvor, noch während der Kriegzeit, hatte ich einen ehemaligen Anhänger Coudenhoves in Lausanne, Ernest B. STEFFAN für die EU gewonnen, gründete mit ihm zusammen im Frühjahr 1945 die erste EU-Sektion in der Romandie, die „Section du Léman“ in Lausanne, an deren Spitze ein anderer ehemaliger Paneuropäer, Henri GENET, der spätere Stadtrat trat. Zahlreiche Sektionsgründungen erfolgten noch im gleichen Jahr in der welschen Schweiz und die gesamt-schweizerische EU erwachte durch uns aus ihrem Winterschlaf; Steffan wurde Secrétaire Romand und ich Président Romand, später überantwortete man mir die Reorganisation der Sektion Zürich und die Wiederbelebung der Jugendbewegung, worauf ich auch administrativer Präsident der Jung-Europa-Union wurde, Einsitz in die Europäischen Dachvorstände der Jugend- und Studentenverbände nahm, von letzterer Organisation auch Präsident der Statutenkommission wurde.

Schon zuvor wünschte ich den baldigen Zusammenschluss möglichst aller Kräfte in Europa für die gemeinsame Aufgabe, die europäischen Völker auf ihr Zusammenleben in einem geeinigten Kontinent vorzubereiten. Es erschien mir widersinnig, diese Aufgabe national anzugehen.

So antichambrierte ich also im Juli 1946 u. a. in Paris an der Rue Aubert 7 und im Büro des „Comité pour les Etats-Unis d’Europe“ an der 100, rue Réaumur und wartete, zusammen mit einem Unbekannten, auf dessen Präsidenten, Gérard. Der Unbekannte. Hendrik Brugmans, stellte sich vor als Präsident der holländischen Europa-Union und warb im gleichen Jahr, im gleichen Monat, am gleichen Tag am gleichen Ort für den gleichen Zweck, die Europäische Einigung der Einiger, und dies ohne jede Verabredung.

Am gleichen Tag, abends, trafen sich also in l’Haye-les-Roses die Vertreter der Bewegungen der Schweiz, Hollands, Frankreichs aber wohl ebenso zufällig auch aus Grossbritannien. Letztere waren Vertreter der mir bekannten und mit der EU bereits vor dem Krieg liierten „New Commonwealth Society“. Sie gehörten meiner Generation an, trugen zu schwarzen Hosen dunkelblaue Hemden. Zwei von ihnen hatten die Eingangstreppe des Hauses flankiert in dem wir uns trafen. Als wir uns der Türe näherten grüssten beide simultan mit der erhobenen rechten Faust. Brugmans erwiderte den Gruss auf die selbe Art. (Ich gab beiden die Hand!) Mir schwante nichts Gutes. Als Initiant wurde ich aufgefordert, die Vorstellungen der schweizerischen Europa-Union zu vertreten, was mit unseren liberalen Leitsätzen bei den praktisch kommunistisch- und russlandtreuen Anderen auf grösste Skepsis stiess. Speziell ablehnend verhielt sich Brugmans, der von mir wissen wollte, was die Schweizer alles unter den Begriff Europa subsumierten, vor allem gegen Osten zu. Europa gehe so weit ostwärts, als der Begriff Freiheit, meinte ich diplomatisch. Brugmans, ehemaliges Oberhaupt des holländischen Widerstands gegen die Nazis und derzeit Kommissar (d. h. Minister) für die Kolonien, insistierte und wollte wissen, ob die UdSSR dazugehöre, ja oder nein! Ich äusserte meine persönliche Meinung, dass dem nicht so sei, worauf er dunkelrot anlief und mir entgegenschrie: „Ou bien nous faisons le Etats-Unis d’Europe avec l’Union Soviétique ou nous la faisons pas du tout“. Nun erklärte ich meine Idee des Zusammenschlusses, der natürlich auch föderalistisch sein sollte, jede nationale Bewegung behalte ja ihr Programm, die gesamteuropäische Organisation propagiere lediglich den gemeinsamen Nenner und überbrachte nun die offizielle Einladung der Europa-Union Schweiz, eine Konferenz in Hertenstein am Vierwaldstättersee, nächst dem Gründungsort der Schweizerischen Eidgenossenschaft, dem Rütli, abzuhalten.

Dann in Basel, dem damaligen Sitz des Zentralsekretariates der EU, beim Rapportieren an den Zentralsekretär Ritzel, war ich alles andere als sicher, die Mission erfolgreich hinter mich gebracht zu haben.

Tatsache aber war, dass im September mehr als 60 Europäer aus allen Ländern in Hertenstein zusammentrafen, eine Dachorganisation schufen und Brugmans zum Präsidenten machten (!), der sich in vier Wochen vom Saulus zum Paulus gewandelt hatte!

Den Vorschlag Ritzels, mich als Sekretär der Organisation vorzuschlagen, musste ich mit Rücksicht auf meinen Vater ausschlagen, dem sicher der Abschluss meines Studiums wichtiger war.

Dass der Schwerpunkt aller Aktivitäten in der EU seit Ende des Krieges in der Welschschweiz lag, gab vermutlich den Ausschlag, uns die Organisation des ersten grossen Europa-Kongresses in Montreux anzuvertrauen. Die Partizipation 1947 war derart gross, dass de facto zwei getrennte Kongresse durchgeführt werden mussten, einen mit einem Weltbund als Ziel, der andere mit Europa.

Letzterer mündete in die Gründung der „Union Européenne Fédéraliste“ mit an der Spitze Hendrik Brugmans. Dem folgten eine Unzahl von Sitzungen, Tagungen, Kongressen quer durch Europa, an denen ich meistenteils teilnahm (Strassburg, Aachen, Bonn, Paris, Amsterdam, Brüssel usw.)

Dann erfolgte der Kongress vom Frühjahr in Den Haag. Dieser umfasste erstmals sämtliche Organisationen, die Europa als Einigung im Visier hatten, also die UEF (Föderalisten), die Europäische Bewegung (Unionisten), aber auch die Paneuropa-Union, die rein wirtschaftlich orientierte Bewegung von van Zeeland usw. usw. Dieser von der Europäischen Bewegung dominierte Kongress (Churchill war der Mittelpunkt) öffnete den Weg für den „Institutionalismus“ und auch die damals erfolgte Gründung des Europa-Rates entsprach nicht den Vorstellungen der „Konstitutionalisten“, die wir zumindest in meiner Gruppe waren.

Auch heute noch bin ich der Meinung, dass im Herbst gleichen Jahres es noch nicht zu spät gewesen wäre, das Rad der Geschichte in Richtung Europäische Verfassung zu drehen: Im Herbst 1948 tagte die UEF im Palazzo Vecchio in Rom, wo vordem Mussolini regiert hatte. Meine Organisation – Rodolphe Czuzka war unser Kundschafter – hatte errechnet, dass im vorgeschlagenen Zentralvorstand der UEF zahlenmässig eine Pattsituation zwischen „Konstitutionalisten“ und „Institutionalisten“ herrschen würde. Um dem Ausschuss eine „konstitionialistische“ Mehrheit zu sichern, war es jedoch unerlässlich, dass alle schweizer Delegierten ausnahmslos dieser Strömung angehören müssten. Nun kandidierte auf unserer Liste aber auch der französische Generalsekretär Raymond Silva, dies mit der Begründung, Sitz des Generalsekretariates sei Genf. De facto hatten die Franzosen derart einen Sitz mehr in der GV und dies zu Lasten der Schweiz. Und ausgerechnet dieser Raymond Silva gehörte dem Lager der „Institutionalisten“ an! Also legte ich den schweizer Vertretern, die in angeblich geheimer Abstimmung darüber befanden, eine handverlesene Liste unserer Delegierten vor, die alle unverdächtig und konstitutionell gesinnt waren. Einstimmig wurde der Vorschlag gutgeheissen und ich wähnte bereits damit eine Mehrheit im Zentralvorstand gewonnen zu haben. Das Gewicht der UEF im Rahmen der Europäischen Bewegung, mittlerweile Dachorganisation der europäischen Dachorganisationen, würde möglicherweise den Ausschlag zugunsten einer verfassunggebenden Versammlung und gegen den Aufbau von Institutionen geben und so wäre die Perspektive einer Europäischen Föderation in greifbare Nähe gerückt und vielleicht so um 1950 Realität! Ein Bote riss mich aber aus diesem Traum, ich werde dringendst vor dem Saal erwartet. Dort erwartete mich ein erregter, verärgerter Henrik Brugmans: was mir einfalle, seinen Sekretär Silva nicht auf die Kandidatenliste zu nehmen! Ich antwortete, dass Letzterer für mich als Anhänger der „Institutionalistes“ nicht tragbar sei und zudem als Franzose auf deren Liste gehöre. Den staunenden Gesichtsausdruck werde ich nicht vergessen: Offensichtlich hatte er keine Ahnung von „Institutionalistes“ und „Constitutionalistes“! Der sportliche ehemalige Chef des NL-Widerstandes packte mich am Arm und ging mit mir in die dunkelste Ecke eines langen Korridores und ich war auf alles gefasst. Offenbar wollte er mich jedoch nur so lange hinhalten, bis sein Vertrauensmann innerhalb der Schweizer Vertretung (ich weiss noch heute nicht, wer es war) meinen ganzen Vorschlag zu seinen Gunsten umgekrempelt hatte.

Anderntags beim Hotel-Frühstück versuchte man noch, mir Schuldgefühle einzuflössen: Raymond Silva habe meinetwegen nachts eine Herzattacke gehabt! Wie auch immer: Die Chance war vertan, die „Institutionalistes“ hatten die Mehrheit, es kam die Montanunion, Euratom usw. bis zum gescheiterten Verfassungsentwurf.

1963 kam es endlich wieder zu einer Aussprache zwischen mir und dem inzwischen Rektor vom Collège Européen von Brügge gewordenen Henrik Brugmans. Ich fragte ihn, wer von uns beiden nun Recht behalten habe. Seine Antwort lautete: „Nous avons perdu quinze ans“. Und ich drückte die Hoffnung aus, nicht ALLES verspielt zu haben.

Nun, seither sind wieder fast 40 Jahre vergangen und inzwischen hat Europa eine Regierung, ein mehr oder weniger legiferierendes Parlament und sogar eine eigene Währung, vor allem eine riesige Bürokratie, eine unkonsequente Aussenpolitik, nach Osten umstrittene Grenzen und last but not least keine Verfassung.

Bis Mai 1948 war die politische Linie der UEF, jener aus „Hertenstein“ hervorgegangenen Dachorganisation eindeutig. In langem, hartnäckigen Ringen hatte sie sich zum Ziel eines Bundesstaates nach eidgenössischem Vorbild, mit neutraler Aussenpolitik, gemeinsamer Wirtschaft, Währung und Armee und mit dem Endziel einer Welt-Konföderation bekannt und erhoffte sich die Erfüllung dieses Programmes durch einen Willensakt, welcher in die Einberufung einer verfassunggebenden Versammlung münden sollte. Anlässlich des Haager Kongresses im Mai 1948 scheiterten diese Pläne am Willen der Exponenten der anderen Richtung.

Im Jahr 2001 von Frank Niess mit dem Titel „Die Europäische Idee“ verfassten Buch ist die Geschichte der Europäischen Einigung und ihr damaliges Scheitern detailliert recherchiert. Ich möchte dieses Buch ausdrücklich zur Lektüre empfehlen. Aus der erhofften Konstituante wurde der „Europa-Rat“.

1948, während des Europa-Kongresses in Rom, wurden alle Hoffnungen der Konstitutionalisten endgültig zerstört und der Europa Prozess begann seine mühevolle Entwicklung bis und mit heute. Die heutige NEBS, Neue Europäische Bewegung der Schweiz, ist ein Konglomerat diverser Europa-Organisationen. Ihr Kern, die Europa-Union, war Organisatorin der Konferenz von Hertenstein. Zusammen mit ihrer Schwesterorganisation „Europa-Union Deutschland“ welche im Gefolge von Hertenstein gegründet wurde und der „Union der Europäischen Föderalisten“, jener Dachorganisation, welche aus der Konferenz von Hertenstein hervorgegangen ist, gedenkt sie nun vom 22. bis 24. September in Zürich und Hertenstein sowohl der Churchill-Rede und der Hertensteiner Konferenz.

Geht es an, diese zwei im Ansatz antagonistischen Ereignisse, nach aussen aber das gleiche Ziel der Europäischen Einigung (ein Gummi-Begriff) verkündend, gleichzeitig und von den gleichen Instanzen zu feiern?

Nach kurzem Zögern lässt sich sagen: Ja, es geht!

Auch der Konferenz von Hertenstein war ein hartes Ringen um disparate Zielsetzungen voraus gegangen und man einigte sich zur Zusammenkunft, indem man den gemeinsamen Nenner zum Programm machte. Im europäischen Entwicklungsprozess musste die europäische Dachorganisation UEF und mit ihr die angeschlossenen Bewegungen noch einige Kompromisse schliessen und seit dem Haager Kongress im Mai 1948 ist auch sie ein Kind beider Ereignisse vom September 1946.

Ich könnte den Bogen noch weiter spannen (der Gründer und langjährige Präsident der EU wird sich im Grabe umdrehen!): Das uns erwartende Bankett im Hotel Hertenstein wird auf der Terrasse nicht des Restaurants Europa, wie man erwarten könnte, sondern im Restaurant Karl serviert. Über dem Namen prangt eine Kaiserkrone. Hertenstein ist nicht nur Synonym für die modernen Europa-Bestrebungen, es war auch nach dem Weltkrieg I zeitweiliges Refugium der geflüchteten k. k. Herrscherfamilie mit Kaiser Karl. Und nun erinnern wir uns wieder des unglücklichen Kronprinzen Rudolf. Der Sohn ebendieses Kaisers Karl ist aber niemand anderes als der ehemalige Kronprinz Otto von Habsburg, Nachfolger und Präsident der Paneuropa-Union!

Mais si le NOMES aujourd’hui ne peut être définie comme appartenant au courant des institutionalistes ou constitutionalistes il reste toutefois un facteur éminemmant suisse, qu’elle se voit obligée d’appliquer à l’occident : c’est le principe du Fédéralisme. Donc, parlons-en.

(Wenn jedoch die NEBS heute weder den « Institutionalisten » noch den « Konstitutionalisten » zugerechnet werden kann, so verbleibt ihr immerhin eine wichtige schweizerische Errungenschaft, welche sie dem Abendland verpflichtet ist, weiterzugeben: Es ist dies das Prinzip des Föderalismus. Befassen wir uns kurz damit.)

Qu’est-ce le fédéralisme et pourquoi en parlons-nous ? Il est indiscutable, que le principe de l’égalité déclaré d’abord par les Etats-Unis d’Amérique, puis à travers la Révolution Française, est une fois pour toute acquis par la Communauté occidentale et conditio sine qua non de toute société, soit ancienne ou à créer.

(Was ist Föderalismus und weshalb erwähnen wir ihn? Das Prinzip der Gleichheit, von den Vereinigten Staaten verkündet, über die Französische Revolution ein für allemal von der abendländischen Gemeinschaft rezeptiertes Gut, ist eine conditio sine qua non jeder alten oder neu zu formenden Gesellschaft.)

Or, ce qu’est l’égalité entre hommes, c’est le fédéralisme entre nations. Si notre but est d’unir les peuples et nations à travers un système d’états, nous ne pouvons ignorer ce principe d’égalité, faute de conflits, voire guerres civiles ultérieurs conséquents au manque de libertés autonomes et d’égalités de chances et de pouvoir.

(Nun, was die Gleichheit zwischen Menschen ist der Föderalismus zwischen Nationen. Ist es unser Ziel, Völker und Nationen mittels eines zwischenstaatlichen Systems zu einigen, können und dürfen wir dieses Gleichheitsprinzip nicht ignorieren. Konflikte, spätere Bürgerkriege wären die Folgen mangelnder autonomer Freiheiten und Chancen und Machtgleichheiten.)

Le fédéralisme dans sa forme pure, balance exacte entre les intérêts des parties constituants de la fédération et les intérêts de l’ensemble, est garant de stabilité, de paix intérieure et de justice. Ce principe va de pair avec notre aspiration à une forme d’union européenne. Et le fédéralisme, s’il ne veut pas se désavouer par lui-même, se veut intégral, c’est-à-dire à tout niveau, à commencer par l’autonomie communale. Tout ce que la commune est capable de gérer elle-même est de son devoir et de sa compétence. Tout ce qui dépasse ses possibilités est délégué à un niveau d’administration supérieur et ainsi de suite.

(In seiner reinen Form ist der Föderalismus ein genaues Gleichgewicht zwischen den Interessen der Mitgliedstaaten und jenen der Gesamtheit, ein Garant der Stabilität, des inneren Friedens und des Rechtes. Dieses Prinzip geht einher mit unserem Wirken für eine Bundesform Europas. Und wenn der Föderalismus sich nicht selbst in Frage stellen will, muss er integral, d. h. auf allen Integrationsstufen optimiert sein, angefangen bei der Gemeindeautonomie. Alles was die Gemeinde allein zu verwalten vermag, gehört ihrem Rechtsbereich und ihrem Pflichtenkreis an. Alles was ihre Möglichkeiten übersteigt, wird dem nächsthöheren Verwaltungsorgan delegiert usw.)

Peut-être que l’idée d’appliquer le fédéralisme à un niveau géographique plus large en Europe est-elle née dans la volonté de transformer un ensemble d’états, dont la cohésion multiculturelle et multiéthnique se baisait sur un ensemble de souverainetés, réunis dans les mains d’un seul monarque ! Je parle de l’empire austro-hongrois, mosaique de peuples hétérogènes et centrifuges, qu’une Première Guerre Mondiale aurait, dans les yeux de certains politiciens, cimentés en face d’un ennemi commun, mais dont la défaite à précipité leur désintégration complète.

(Vielleicht geht die Idee, den Föderalismus geografisch auf Europa auszudehnen, auf den Willen zurück, eine Schicksalsgemeinschaft von Staaten umzuformen, deren multikultureller und multiethnischer Zusammenhang sich auf ein System von Souveränitäten stützte, die in der Hand eines einzigen Monarchen vereinigt waren. Wir sprechen vom Östereichisch-Ungarischen Kaiserreich, einem Mosaik unterschiedlichster und auseinanderstrebender Völker, welche im Ersten Weltkrieg, angesichts eines gemeinsamen Feindes, nach Auffassung gewisser Politiker zusammengeschweisst worden wären, aber durch die Niederlage vollständig auseinandergerissen wurden.)

Le fédéralisme, idéologie qui nous vient des Etats-Unis d’Amérique, appliqué par la constitution suisse de 1848, a fait ses preuves dans une confédération de quatre éthnies et langues. Faire ce qu’on appelle l’ »intégration européenne » est bien plus difficile encore et ne réussira à la longue que par application stricte du fédéralisme intégral, seule garant de stabilité. C’est cela que Victor Hugo à voulu dire en déclarant que la Suisse dans l’histoire européenne aura le dernier mot.

(Die in den Vereinigten Staaten entwickelte und 1848 in die Eidgenössische Verfassung Eingang gefundene Ideologie des Föderalismus’ hat sich in der Vielvölker-Schweiz mit ihren vier Sprachen seit über 150 Jahren bewährt. Die sogenannte Europäische Integration“ zu vollenden ist ungleich schwieriger und wird nur durch konsequente Anwendung des integralen Föderalismus’ gelingen, einziger Garant der Dauer. Das ist, was Victor Hugo meinte, als er prophezeite: „Die Schweiz wird in der Geschichte Europas das letzte Wort haben“ (letzte“ im übertragenen Sinn - so wie es aussieht, auch wörtlich zu nehmen).

Mais cette prophétie est en même temps un engagement : c’est à travers notre gouvernement, notre conseil fédéral, que le NOMES doit formuler, exiger l’application de ce fédéralisme. C’est là notre mission historique. C’est cela l’apport et en même temps le plus grand des atouts de notre Suisse à la constitution de ce continent.

(Zugleich ist diese Prophezeiung aber auch eine Verpflichtung: Die NEBS muss unsere Regierung, den Bundesrat veranlassen, diesen Föderalismus einzubringen. Dies ist unsere historische Mission und Pflicht. Dies ist unser Beitrag zur Verfassung dieses Kontinentes und zugleich unser grösster Trumpf).

Le fédéralisme moderne à pris naissance avec la Constitution des Etats-Unis d’Amérique de 1787. C’est grâce à ce principe et ultérieurement l’application progressive des droits démocratiques que cette puissance à réussie l’intégration de toutes les éthnies pour devenir aujourd’hui la grande nation dominante.

(Die moderne Form des Föderalismus’ entstand mit der Schaffung der USA im Jahr 1787. Dank dieser Ideologie und später sich weiterentwickelter Anwendung demokratischer Rechte, ist es diesem Bundesstaat gelungen, die Vielfalt von Völkern zu integrieren um heute die grösste Macht dieser Welt zu sein).

La Suisse, héritière de ce fédéralisme, préfigurant avec 22 états souverains et quatre langues différentes l’Europe, n’à plus connu de guerre intérieure depuis son application dans sa constitution de 1848.

(Die Schweiz, Erbe dieser Errungenschaft, mit 22 souveränen Staaten und vier verschiedenen Sprachen Modell für Europa, kennt seit 1848, d. h. seit Einführung des föderativen Prinzips in seine Verfassung, keinen Bürgerkrieg mehr.)

Alles in allem geht Europa, das Pferd am Schwanz aufgezäumt, auf einem grossen Umweg, mit demokratischen Defiziten und um Jahrzehnte später als es möglich gewesen wäre einer Zukunft entgegen, die aus unserem Kontingent eine Friedensoase, eine Wirtschaftsmacht, eine den Weltfrieden mitbestimmende entscheidende Kraft, ein Prototyp einer Staatenorganisation machen kann. Wir alle, die heute lebende Generation, sind aufgerufen, unsere Pflicht der Geschichte gegenüber wahrzunehmen, diese gewaltige Aufgabe zu vollenden, auf dass unser Europa, zusammen mit den nach unserem Vorbild geeinigten übrigen Staaten dieser Erde, eine Weltinstitution bilden kann, welche auf alle Zeiten den Weltfrieden zu sichern imstande sein wird. Der Mensch muss vor seinesgleichen geschützt werden. Weil man den Menschen nicht ändern kann, lasst uns die Institutionen ändern. Das Rad der Geschichte lässt sich nicht zurückdrehen. Aber aus der Geschichte können und müssen wir lernen. Unser Beitrag zu Europa soll durch eine Rückbesinnung auf die Werte der Hertensteiner Deklaration von 1946 darin bestehen, die damals gewonnenen Einsichten in den immer noch hängigen Einigungsprozess einzubringen, Europa von unten nach oben und föderalistisch zu formen. „Let Europe Arise“, aber als Bundesstaat, mit einer Verfassung welche volksnah vom Europäischen Parlament ausgearbeitet wird.

„Ziehet den Zaun nicht zu weit“ könnte eine weitere Forderung unserer Bewegungen sein: Niklaus von der Flüh mahnte die alten Eidgenossen, ihr Territorium nicht zu weit auszudehnen. Und vergessen wir dabei nie, dass das gemeinsame Band eines Bundes desto solider hält, je homogener es zusammengesetzt ist. Gemeinsame Vergangenheit, Kultur, Philosophie und Rechtsgeschichte sind die Basis des „lien fédéral“. Die Feier in Hertenstein hat den internationalen Teilnehmern die Gelegenheit geboten, gemeinsam Ideen zur künftigen Entwicklung Europas zu entwerfen. Es ist zu hoffen, dass diese eine ähnlich grosse Resonanz und positive Einflussnahme auf Europa finden werden wie 60 Jahre zuvor! Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

 

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