Christian Moos, Generalsekretär der Europa-Union Deutschland hat bei den 2. Hertensteiner Gesprächen in Heilbronn unter anderem zu den Perspektiven des Bundesverbandes der Europa-Union Deutschland gesprochen. Seine Ausführungen können Sie gerne unten nachlesen. Zuvor hatte sich unser Generalsekretär zweit Tage lang einen Überblick über die Europa-Union Heilbronn verschafft und auch an mehreren Gesprächskreisen der Hertensteiner Gespräche aktiv teilgenommen. Zudem stand er gleich in mehreren Gesprächsrunden den Kreisvorstandsmitgliedern Rede und Antwort und ließ es sich auch nicht nehmen, um in Einzelgesprächen mit Mitgliedern der Europäischen Föderalisten und weiteren Europainteressierten einzelne Themen weiter zu vertiefen. Die Europa-Union Heilbronn ist sehr froh darüber, einen solch menschlich wie fachlich kompetenten Generalssekretär mit an der Spitze unseres Verbandes zu wissen.

 

„Freiheit, Friede, Menschenwürde, Gleichberechtigung und soziale Gerechtigkeit sind unsere höchsten Güter. Um sie zu sichern und weiterzuentwickeln, braucht Europa eine moralisch überzeugende politische Gestalt und eine solidarische Politik, die den europäischen Gemeinsinn stärkt, die Europäische Union glaubwürdig macht und auf die wir Europäer stolz sein können.“

So heißt es in der Charta der europäischen Identität, die unser Verband vor bald 25 Jahren entwickelte und 1995 verabschiedete.

Solidarische Politik, europäischer Gemeinsinn, Glaubwürdigkeit.

2018 müssen wir leider feststellen, dass wir uns von diesen Zielen weit entfernt haben.

‚Föderalistische Grundsätze, demokratischer Aufbau von unten nach oben und eine europäische Völkergemeinschaft, die Streitigkeiten zwischen ihren Mitgliedern zu schlichten imstande ist.‘

Auch der zweite Leitsatz unseres Hertensteiner Programms, mit dem 1946 unsere politische Arbeit begann, beschreibt nur sehr eingeschränkt die heutige Wirklichkeit.

Und der Eingangssatz unseres 2012 verabschiedeten Düsseldorfer Programms liest sich inzwischen wie eine Mahnung:

„Nur geeint sind die Staaten Europas in der Lage, Frieden und Freiheit, Stabilität, Wohlstand und soziale Sicherheit, eine lebenswerte Umwelt, Demokratie und Menschenrechte zu garantieren und die Herausforderungen der Globalisierung zu bewältigen.“

Unsere proeuropäische Haltung, unsere föderalistischen Ziele waren lange Zeit konsensfähig.

Die europäische Idee fand so viel Unterstützung in Politik und Gesellschaft, dass wir schon fast überflüssig wurden.

Als Europa nach der Jahrtausendwende kurz davor war, sich eine Verfassung zu geben, war die Europa-Union ein nicht mehr ganz frischer Honoratiorenverband.

Heute ist aber nicht mehr viel selbstverständlich, und wir haben ein ganz anderes Momentum in unserem Verband.

Wir sind zweifellos politischer geworden, und gerade junge Menschen wollen sich für den europäischen Föderalismus engagieren, stärken uns und drängen berechtigterweise auch auf Veränderungen.

Bevor ich die Lage Europas mit ein paar Schlaglichtern skizziere und daraus Schlussfolgerungen für unsere Arbeit ziehe, möchte ich kurz über unseren Verband sprechen.

Die Europa-Union gewinnt aktuell bundesweit Mitglieder.

Das ist insofern bemerkenswert, als die Europa-Union - nicht anders als viele andere Vereine, aber auch die Parteien oder die Gewerkschaften - vor einer demografischen Herausforderung steht.

Diese positive Entwicklung haben wir ganz überwiegend den Jungen Europäischen Föderalisten zu verdanken.

Besonders der JEF Baden-Württemberg gilt unser Dank für ihre exzellente Arbeit.

Ohne Jugend, keine Zukunft.

So ist es auch die klare politische Leitlinie der aktuellen Europa-Union Führung, die JEF immer mitzudenken und sie zu fördern, wo es nur eben geht.

Es gibt seit einigen Jahren mehr Zusammenarbeit zwischen Europa-Union und JEF als je zuvor.

Aber wir dürfen uns nicht zurücklehnen. Es gilt nun, den Übergang der 35jährigen in die Europa-Union nicht nur formal, sondern auch effektiv sicherzustellen und bestenfalls auch schon das Engagement der Jungen in unseren Kreis- und Ortsverbänden.

Dabei müssen wir uns auch die Frage stellen, welche neuen Wege wir gehen können, um auch diejenigen mitzunehmen, die nicht oder noch nicht ortsgebunden sind und sich trotzdem für unsere Sache, den europäischen Föderalismus, engagieren wollen.

Von zentraler Bedeutung ist und bleibt bei alledem, dass wir, Europa-Union und JEF, den Kontakt mit der Bevölkerung suchen, mit anderen Vereinen, mit Bürgerinnen und Bürgern ganz unmittelbar, im direkten Gespräch, in unmittelbarer Begegnung.

Auch dazu wollen wir als Bundesverband unseren Beitrag leisten, denn wir setzen klar auf das Prinzip des Aufbaus von unten nach oben, und wir wissen sehr genau, dass wir ohne unsere Engagierten vor Ort, in den Städten und Gemeinden, ohne Sie also, auch auf Bundesebene wenig Wirkung erzielen könnten.

Der Bundesverband der Europa-Union Deutschland ist Partner des Bundes und darüber seit 2014 mit unseren bundesweiten Bürgerdialogen der „Wir müssen reden“ – Reihe landauf, landab unterwegs, wiederholt auch und besonders erfolgreich in Baden-Württemberg.

An dieser Stelle möchte ich Evelyne Gebhardt und insbesondere Bettina Kümmerle herzlichen Dank sagen für die immer hochprofessionelle, vertrauensvolle und freundschaftliche Zusammenarbeit mit der Bundesgeschäftsstelle, gerade bei den Bürgerdialogen, aber auch in vielen anderen Fragen mehr.

Und der gemeinsame Einsatz zahlt sich aus:

Ab 2019 können wir die Bürgerdialoge voraussichtlich signifikant ausweiten. Und das gilt über das so wichtige Wahljahr 2019 hinaus.

Schließlich steht 2020 die deutsche Ratspräsidentschaft an, und allerspätestens dann – und das ist eigentlich viel zu spät - muss es einen neuen Impuls für Europas Zukunft geben.

Wir werden Druck machen. Das kann ich heute schon versprechen.

Mit Blick auf die Bürgerdialoge im kommenden Jahr erarbeiten wir gerade ein Konzept, das sich vor allem auf die Europawahl und sicherlich auch auf die Folgen des Brexits konzentrieren wird. „Europa vor der Wahl“ bis in den Mai und „Europa nach der Wahl“ ab Juni 2019. Zur Jahreswende werden wir dann die Ratspräsidentschaft ins Visier nehmen und bei alledem sicherlich nicht die schwierigen Verhandlungen über den neuen Mehrjährigen Finanzrahmen aus dem Blick verlieren.

Wichtiger noch für den Moment und unmittelbar für Sie mit Blick auf die Europawahl ist der bevorstehende Start unserer Europawahlkampagne.

Eine AG des Bundesverbandes hat diese unter der Leitung unserer Präsidiumskollegin und neuen EBD-Präsidentin Linn Selle ausgearbeitet.

In den Social Media haben wir bereits eine Vorstufe dieser Wahlkampagne gezündet. „Europa machen“ lautet das Motto.

Der eigentliche Startschuss für diese zentrale Kampagne der kommenden Monate fällt im November auf unserem Bundesausschuss.

Europa machen.

Zum Machen gehört die Vermittlung der europäischen Idee im Dialog mit den Menschen.

Unsere Bürgerdialogsreihe ist daher ein strategisch wichtiges Instrument.

Dank der Bürgerdialoge des Bundesverbands haben wir ein Angebot, das die Arbeit unserer Kreis- und Landesverbände ergänzt, diese unterstützt, und den Verband zu einem Thema bundesweit - gemeinsam und zum Nutzen aller Verbandsebenen - sichtbar macht.

Radio und Print, in einzelnen Fällen auch das Fernsehen, regional und sogar deutschlandweit, haben über die Bürgerdialoge berichtet. Zum Jahresende werden es 30 gewesen sein.

Wir haben mit dieser erfolgreichen Arbeit nicht nur viele Bürgerinnen und Bürger erreicht, sondern auch neue Partner für den Verband gewonnen, neue Zugänge zu Wirtschaft und Sozialpartnern erhalten, aber auch zu weiteren gesellschaftlichen Kräften wie etwa den Kirchen.

Schlussendlich muss es ja darum gehen, dass wir für unsere Ideen möglichst große Resonanzräume finden.

Positiv ist auch, das möchte ich ausdrücklich betonen, dass wir als überparteilicher Verband auf großen Zuspruch bei Politikerinnen und Politikern der proeuropäischen Parteien stoßen.

Unsere Überparteilichkeit gilt heute nicht mehr als Äquidistanz zu allen Parteien. Nein, wir stehen den Parteien nahe, die fest auf dem Boden des Grundgesetzes stehen und die vor allem auch dessen Europaauftrag verinnerlicht haben.

Wir stehen Parteien fern, die Hass und Häme verbreiten, Ängste schüren und einem neuen Nationalismus das Wort reden.

Elitenkritik und Parteienskepsis sind in Mode gekommen. Sie spielen den neuen Ewiggestrigen in die Hände.

Und ich bin nicht bereit, mich am populären Bashing der Parteien und ihrer Vertreterinnen und Vertreter und damit an der Verächtlichmachung der repräsentativen Demokratie zu beteiligen!

Auch in unserem Verband ist jüngst pauschale Kritik an „den Parteifunktionären“ laut geworden.

Da wird in dieser aufgeregten Zeit von einigen Radikalen eine abschüssige Bahn betreten.

Was bitte wäre denn besser, wo wären wir wirkmächtiger, wenn wir nicht stark mit den Parteien des Grundgesetzes verbunden wären?

Ich finde, wir können stolz sein auf das außergewöhnlich gute Standing, das wir bei den demokratischen Parteien haben.

Nie zuvor war unsere Parlamentariergruppe im Deutschen Bundestag größer als heute. Gut 180 Mitglieder bekennen sich öffentlich zu uns. Und jedes zweite Kabinettsmitglied gehört einem unserer Mitgliedsverbände an.

Hier im Ländle gilt das sowieso. Unser Präsident, Rainer Wieland, hat einmal gesagt, hier wird niemand Ministerpräsident, der nicht auch Mitglied der Europa-Union ist.

Diese Verankerung stärkt nicht nur den Bundesverband. Sie stärkt auch die Kreis- und Landesverbände, denn daher kommen ja die Abgeordneten und die Ministerinnen und Minister, dort sind sie verwurzelt, Ansprechpartner für die Bürgerschaft, deren zivilgesellschaftlich engagierter, demokratisch verfasster europäischer Teil seit jeher wir sind.

Denn, das möchte ich an dieser Stelle betonen:

Bei uns zählt jedes Mitglied. Jeder Kreisverband ist demokratisch verfasst. Wir haben bei aller Überparteilichkeit klare politische Vorstellungen und Ziele.

Und es gibt uns seit über 70 Jahren.

Das unterscheidet uns von vielen anderen Initiativen, die in jüngerer Zeit viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben, mittlerweile aber um Identität und Aufgabe zu ringen scheinen.

Wir sollten uns zwar nicht zurücklehnen. Es gibt viele Baustellen, viele unerledigte Aufgaben.

Aber wir sollten nicht hektisch irgendwelchen Trends nachjagen, sondern uns auf unsere Stärken besinnen und diese auch nutzen.

Und wo wir bei den Stärken sind:

Was am meisten zählt, ist die Arbeit, die vor Ort geleistet wird. Und da ist der Kreisverband Heilbronn mit Heinrich Kümmerle an der Spitze ein Paradebeispiel.

Hier gibt es einen lebendigen Musterverband mit einem überzeugten und überzeugenden Europäer vorneweg, der etwas mitbringt, was es im Idealfall braucht, nämlich Herz und Verstand und eine gehörige Portion Charisma und Selbstbewusstsein auch.

Letzteres bekommen auch wir als Bundesverband immer wieder zu spüren, aber wir sind stolz auf Kreisverbände wie diesen hier.

Danke, lieber Heinrich!

Menschen für die Idee des Föderalismus zu begeistern, sollte gerade heute möglich sein.

Die Zeit ist günstig, neue Mitglieder für die Europa-Union zu gewinnen.

Denn die europäische Einigung ist äußerst gefährdet.

Nach der größten Finanzkrise seit 1929, seit einem Jahrzehnt also, wird Europa von Krisenwellen getroffen.

Und wir sehen heute, dass Europas Fundamente unterspült zu werden drohen und dass es bereits erste Dammbrüche gibt.

Der Brexit ist ein solcher Dammbruch.

Die Abkehr vom Rechtsstaat und von der liberalen Demokratie sind Dammbrüche.

Die Regierungsbeteiligung rechtsradikaler Europafeinde in mehreren EU-Staaten, darunter Italien, Dänemark, auch die aktuelle österreichische Ratspräsidentschaft – sie lässt die Fluten steigen.

Ein Deutschland, das in Europa nicht mehr führt und in dem der Verfassungsminister denjenigen Munition liefert, die meinen, die europäische Idee reduziere sich auf den Schutz von Außengrenzen und die Abweisung von Menschen, das ist ein politischer Bruch.

Wir haben einen Verfassungsminister, der Sätze sagt wie: Ich bin immer für europäische Lösungen, solange sie nationalen Interessen nicht schaden.

Das ist doch eine höchst bemerkenswerte Denkfigur.

Bemerkenswert nicht nur, weil die Präambel des Grundgesetzes einen klaren Europaauftrag als deutsche Staatsräson ausweist.

Bemerkenswert auch, weil es offenbar Lösungen geben kann, die gut für Europa und gleichzeitig schlecht für Deutschland sind.

Ich frage Sie: Ist es für die größte Volkswirtschaft in der Mitte Europas überhaupt vorstellbar, dass eine „europäische“ Lösung nicht auch im nationalen Interesse liegt?

Ja, Europa ist von zahlreichen Krisen getroffen worden.

Zur Bankenkrise kam die der Staatsschulden hinzu.

Und die Erkenntnis, dass eine Währungsunion nicht ohne Politische Union funktionieren kann. Letztere ist seit Jahrzehnten eine Kernforderung unseres Verbandes.

Zur Krise der im Zeitalter der Globalisierung und des demografischen Wandels unter Druck stehenden Wirtschafts- und Sozialordnungen kommt die sich beschleunigende Digitalisierung und Roboterisierung hinzu.

Und die Erkenntnis, dass die Lebensbedingungen in Europa nicht weiter auseinandergehen dürfen, dass die Nationalstaaten allein nur noch auf dem Papier kompetent sind, ihre Sozialpolitik souverän zu gestalten.

Europa war nicht vorbereitet auf Krieg und Staatszerfall in seiner unmittelbaren Nachbarschaft, auch nicht auf die aggressive Wende der russischen Politik, die spätestens mit dem Georgienkrieg eingeleitet wurde.

Zur Krise der europäischen Peripherie kommt die der transatlantischen Beziehungen hinzu. Und mehr als das, eine Erschütterung der Weltordnung.

Und die Erkenntnis, dass kein europäischer Nationalstaat allein für seine Sicherheit sorgen kann, es dringend europäische Antworten auf diese neue Zeit braucht, die der Historiker Heinrich August Winkler in seiner großen vierbändigen Geschichte des Westens unter die düstere Überschrift „Das Ende aller Sicherheit“ gestellt hat.

Die große Migration, die 2015 einen vorläufigen Höhepunkt hatte, traf auf einen bereits in seinen Grundfesten erschütterten Kontinent.

Die Erkenntnis, dass Europa als friedliche Ordnungsmacht Stabilität auch in seine Nachbarschaft projizieren muss, um selbst stabil zu bleiben, ist gewachsen. Das Richtige zu tun, bleibt aber schwierig.

Dass es eine bessere europäische Migrationspolitik braucht als sie im Dublin-System verwirklicht wurde, dass es mehr Solidarität zwischen den Mitgliedstaaten und auch die Möglichkeit zu legaler Arbeitsmigration aus Drittstaaten braucht, zu dieser Einsicht scheinen einige europäische Akteure nicht mehr fähig.

Und die Flut steigt.

Und die Flut, das ist keine „Flüchtlingswelle“ – ein ohnedies zweifelhaftes Wort.

Die Flut, das sind die Nationalisten und Chauvinisten, die alles daransetzen, unsere Werte umzuwerten.

Inzwischen sind praktisch überall in der Europäischen Union Demokratie- und Europafeinde auf dem Vormarsch.

Demokratiefeinde jedenfalls, wenn wir unterstellen, dass Demokratie nur dann unseren Vorstellungen entspricht, wenn sie mit Minderheitenrechten, mit Rechtsstaatlichkeit und mit der Achtung der Grund- und Menschenrechte einhergeht.

Es ist eben längst nicht mehr nur der Rechtspopulist Viktor Orbán, der uns Sorgen bereiten muss.

Dieser ungarische Nationalist, der sich – andersherum als im biblischen Beispiel - vom Paulus zum Saulus gewandelt hat, ist heute nicht mehr allein, steht keineswegs isoliert in Europa.

Darüber darf auch die jüngste, richtige Entscheidung des Europäischen Parlaments nicht hinwegtäuschen, die Einleitung eines Rechtsstaatsverfahrens gegen Ungarn einzufordern.

Polen und Tschechien stehen fest an Ungarns Seite, neuerdings auch Italien.

Und Österreich versucht, als neue mittelosteuropäische, gleichzeitig proeuropäische wie rechtspopulistische Führungsmacht einen scharfen Rechtskurs mit europäischer Verantwortung vereinbar zu machen.

Autoritarismus light, mit jugendlichem Antlitz und Bekenntnis zu Europa.

In Schweden ging vor zwei Wochen eine weitere rechtspopulistische Partei gestärkt aus den Wahlen hervor, wenn sie auch, Gott sei Dank, unter den befürchteten Ergebnissen blieb.

Aber auch linksstehende politische Kräfte legen die Axt an die Grundsätze der liberalen Demokratie.

Durch und durch korrupte Regierungen wie die rumänische bedrohen die europäische Ordnung nicht weniger als die Rechtspopulisten in den genannten Staaten.

Und unsere vielleicht größte Hoffnung, der französische Präsident Emmanuel Macron, ist innenpolitisch geschwächt und hat bis heute keine nachhaltige Unterstützung aus Berlin erfahren.

Und die nicht mehr ganz so große Koalition in Berlin zeigt Zerfallserscheinungen.

Dass der ungeheure Druck der Populisten kein auf Europa beschränktes Phänomen ist, kann kaum ein Trost sein.

Denn Trump, Putin und Erdogan, aber auch Wesensverwandte in Japan, auf den Philippinen oder in Brasilien gefährden nichts weniger als die Ordnung unserer Welt und damit auch den Frieden, den die Mitglieder des europäischen Zusammenschlusses sieben Jahrzehnte genießen konnten und der im vereinten Europa so selbstverständlich geworden zu sein scheint, dass das Friedensargument für europäisches Engagement beinahe in Vergessenheit geraten ist, vielen jedenfalls angesichts der Selbstverständlichkeit des Friedens als leicht angestaubt gilt.

Lassen Sie uns hoffen, dass uns der Frieden auch in den kommenden Jahren als eine Selbstverständlichkeit erscheinen wird, für die es nicht immer wieder neuen Einsatz braucht.

Aber Frieden allein ist auch nicht alles.

Wir wollen ja in Europa nicht nur in Frieden leben, sondern auch in Freiheit.

Und auch das ist eben alles andere als selbstverständlich.

In mehreren Staaten unserer Europäischen Union ist oppositionelle Tätigkeit, ist auch proeuropäisches Engagement inzwischen karrieregefährdend, bald vielleicht schon eine Gefahr für die persönliche Unversehrtheit.

Soweit ist es in Deutschland zum Glück noch nicht.

Aber die Alternative für Deutschland, die ich persönlich glasklar als verabscheuungswürdige rechtsextreme Partei sehe, verschiebt bereits die Grundkoordinaten unserer Gesellschaft.

Diese Ewiggestrigen wollen ein anderes Deutschland und ein anderes Europa.

Nicht alle Menschen, die heute der AfD hinterherlaufen, sind für die liberale Demokratie und Europa, sind für uns verloren.

Wir müssen auch den Verunsicherten, den Zweifelnden zuhören, dürfen sie nicht aufgeben.

Wer sich aber aus voller Überzeugung für diese Feinde der liberalen Demokratie engagiert, ist für mich kein politischer Konkurrent mehr, sondern ein gefährlicher Gegner, dem es entschieden entgegenzutreten gilt.

Und die Ewiggestrigen werden salonfähig, weil zum Beispiel unser aktueller Ratspräsident, Sebastian Kurz, mit Rechtspopulisten und teilweise auch Rechtsextremisten regiert.

Weil zum Beispiel auch in Italien eine Mehrheit der Menschen, zermürbt von zu langen wirtschaftlichen Stagnations- und Krisenjahren, verzweifelt an den zu vielen Skandalen der Altparteien und zu recht wütend auch über die vor allem vor 2015 fehlende Solidarität der Europäer und besonders Deutschlands in der Migrationsfrage, einem rechtsradikalen Verführer und seinen clownesken Steigbügelhaltern verfallen ist.

Und der Rechtsbruch wird in Europa zur Normalität.

Neue Führerkulte werden ausgerufen. Schnell sind neue und alte Sündenböcke gefunden.

Was wirklich ist, bestimmen nicht mehr Fakten. Die Emotion tritt an die Stelle der Vernunft.

Hannah Arendt hat vor bald 70 Jahren festgehalten, dass das Verschwimmen von Realität und Fiktion der Boden ist, auf dem der Totalitarismus gedeiht.

Und genau das geschieht in dieser Zeit der Aufgeregtheit, wie der Philosoph Sloterdijk sie genannt hat.

Wo die digitale Revolution unendlich viele Echokammern für Spinner schafft, Informationsbombardement alle Sinne überreizt und in der Meldungsflut nur noch durchdringt, was unmittelbar die Gefühlsebene anspricht.

Joseph Goebbels hätte seine helle Freude an dieser „schönen neuen Welt“ gehabt.

Wenn wir, um mit Ian Kershaw zu sprechen, einen neuen Höllensturz vermeiden wollen, müssen wir uns engagieren.

Und das tun Sie.

Ihr Engagement in der Europa-Union Deutschland ist gerade heute so wertvoll wie nie zuvor.

Es geht längst nicht mehr nur um Auseinandersetzungen über den besten Integrationsweg für Europa.

Ich bin dezidiert der Auffassung, dass unser Verband Teil einer zivilgesellschaftlichen Allianz für die liberale Demokratie in Europa sein oder werden muss.

Es geht aktuell nicht um die Umsetzung oder Propagierung einzelner föderalistischer Ziele.

Das ganze europäische Projekt steht auf dem Spiel.

Und mehr noch:

Wir sind Zeugen eines neuen epischen Ringens zwischen liberaler Demokratie und Autoritarismus.

Die illiberale Demokratie, der die Vordenker eines anderen Europa anhängen, ist nichts weiter als die Umkehrung unserer Werte.

Und Europa ist – zumindest für uns in Deutschland - die erste Verteidigungslinie.

Wir stehen unter Feuer, liebe Freundinnen und Freunde.

Aber wir können stolz darauf sein, dass wir auf der richtigen Seite stehen.

Und wir werden nicht weichen.

Diesmal kommen sie nicht durch!

Wir stehen nicht einfach nur für ein vereintes Europa.

Denn ein vereintes Europa kann auch eines der Unfreiheit und der Unterdrückung sein.

Unser föderalistischer Traum ist der einer liberalen europäischen Demokratie,

gegründet auf der Basis der europäischen Charta der Grundrechte,

einer Demokratie, in der alle Europäerinnen und Europäer friedlich zusammenleben

und in Solidarität an einer föderalen Weltordnung mitarbeiten.

Dass es jetzt um so viel mehr geht als bisher, das soll unsere Arbeit sichtbar machen.

Und jede Einzelne und jeder Einzelne wird in dieser Auseinandersetzung gebraucht.

Das soll, so sehe ich es, unser Kurs für diese schwierige Zeit sein.

Europa ist kein Selbstzweck, sondern Chiffre für eine Freiheitsordnung, die wir nicht preisgeben dürfen.

Ein Hoch auf Hertenstein, ein Hoch auf Europa als Überwinderin von Nationalismus und Chauvinismus und ein Hoch auf die Freiheit!

 

(Es gilt das gesprochene Wort)

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